Tag 8: Herr Rink fährt U-Bahn
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„Heute wird es viele Proteste und Gewalt geben“, sagen Diego und Nicolau und eine der ersten Meldungen, die uns am Morgen des Auftaktspiels erreichen, ist die von der Verletzung einer CNN-Reporterin. Sie ist schon früh bei der Aktion „Não vai ter Copa“, der größten Protestbewegung São Paulos. Zu der wollten wir unsere Mitbewohner Diego und Nicolau eigentlich begleiten. Doch die beiden entscheiden sich in letzter Minute dagegen. Ihre Angst vor der brutalen Repression der Polizei und davor, dass sie mit schweren Verletzungen nach Hause kommen, ist am Ende größer als ihr Protestwille. Und das Spiel? Werden sie später zuhause vor dem Fernseher verfolgen.

Ist der Fußball an diesem Tag womöglich doch zu stark, um das lebendig zu halten, was so viele in den vergangenen Monaten auf die Straße getrieben hat? Sogar ihr Sonnenlicht lassen sich die Brasilianer nehmen. Vor den Fenstern der Hochhausblöcke an der Avenida 9 de Julho, von denen einer hässlicher und verzweifelter ist als der andere, hängt das Grün der brasilianischen Flagge und hält auf Blau in strahlendem Gelb die Hoffnung auf „Ordem e progresso“ hoch – Ordnung und Fortschritt. In vielen Fluren erlauben Aushänge den Bewohnern dies ausdrücklich. Doch als ein Freund von Diego seine Flagge aufhängt, wird er umgehend aufgefordert, sie wieder abzunehmen: Es ist die argentinische.

Es scheint, ganz São Paulo kleidet sich heute in Gelb und Grün. Die Megacitiy, die in den letzten Tagen ungewöhnlich schläfrig war, ist aufgewacht und schreit aus voller Kehle: Wir leben und wir lieben Fußball!

 

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Und dennoch: Vier Protestaktionen gibt es allein in São Paulo. Wir selbst erreichen allerdings keine einzige. Bei der, bei der die CNN-Reporterin verletzt wird, riegeln Sicherheitskräfte die umliegenden Bahnhöfe ab und sperren die Straßen. So lassen wir uns stattdessen von dem gelb-grünen Meer hupender, trommelnder und tanzender Menschen bis zu den Absperrungen des Stadions treiben. Von Wut ist hier nichts mehr zu spüren. Allein die Werbung für das Bier „Brahma“ an den Breitseiten der Sozialbauten erinnert kurz an die Schizophrenie Brasiliens: „Hier wird es ein Fest geben“ verspricht sie und dahinter wohnen die Menschen, deren Favelas dem Stadionbau weichen mussten.

An diesem Tag wird offenbar, dass sich der Protest der vergangenen Monate und die Fußballbegeisterung nicht nur miteinander vermischen, sondern sich auch einander zu bedienen versuchen. Am Ausgang der U-Bahn-Station verteilen junge Brasilianer in gelb-grünen Trikots zusammengefaltete Plakate, auf denen sich der Schriftzug „FORA! INCOMPTENTES“ steht, sinngemäß: Raus mit den Inkompetenten! Der Rechtschreibfehler ist Absicht: PT ist die Partei der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff und ihres Vorgängers Lula. Auf der Rückseite steht der Auftrag, die Plakate mit ins Stadion zu nehmen und während der Hymne in die Luft zu halten. Damit sollen die Brasilianer zeigen, dass sie ihr Land nicht länger den Korrupten und Unfähigen überlassen wollen. Viele greifen beim Vorbeigehen zu, und später werden die Fernsehkameras Bilder in die Welt senden, auf denen diese Plakate tatsächlich zu sehen sind. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass von vielen nur Fetzen zurückbleiben: Die Menschen machen daraus Konfetti. Es bewahrheitet sich, was uns nicht nur Natália vor einigen Tagen gesagt hat: Viele Brasilianer haben sich nicht getraut, ihre Vorfreude auf die WM zu zeigen, und deshalb Trikots und Perücken im Schrank gelassen. Sogar ein Doppelgänger von Kim Jong-un, in schwarzem Anzug und gegeltem Diktatorenscheitel, mischt sich unter die Fans.

 

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So kommen von den Protestaktionen, die sich über das ganze Land verteilen, hier nur die Fernsehbilder an. Zur größten Demonstration in Porto Alegre kommen über 1000 Menschen. In Belo Horizonte werden die Scheiben einer Bankfiliale eingeschmissen und Polizeiautos umgestoßen und in Rio de Janeiro regnet es nach dem Eigentor von Marcelo Kokosnüsse auf Fußballfans, die sich den Demonstranten in den Weg stellen. Die Polizei geht mit aller Rigorosität dagegen vor. Dass dabei Gummigeschosse und Tränengas zum Einsatz kommen, macht über Social Media-Kanäle die Runde.

Als zur Halbzeit Szenen der Ausschreitungen im brasilianischen Fernsehen gezeigt werden, schütteln viele uns herum mit dem Kopf in dem weiß gekachelten Schnellrestaurant, in dem wir gelandet sind. „Ich finde die Proteste ignorant“, sagt Isabel de Oliveira, die mit ihrem Sohn und ihrer Tochter neben uns sitzt. „Die Brasilianer werden immer erst aktiv, wenn es schon zu spät ist“, klagt sie. „Die Proteste wären notwenig gewesen, bevor die Entscheidung über die Vergabe getroffen wurde. Jetzt ist das Geld doch schon längst ausgegeben.“ Von den Pommes Frites, die sie bestellt hat, bietet sie uns genauso zu essen an wie wir uns ständig mit den Menschen um uns herum gegenseitig zuprosten. Die Brasilianer freuen sich nicht über diese WM? Davon ist hier nichts zu sehen. Im Gegenteil: Zwei Kellner tragen sogar Kontaktlinsen, die mit der brasilianischen Flagge bedruckt sind. Nach dem Spiel strömen die Menschen auf die Straße, Feuerwerkskörper knallen durch die Dunkelheit und bis spät in die Nacht übertrumpfen die Boxen der benachbarten Bars den Lärm der Straße, an der wir wohnen. Und das will etwas heißen.

 

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Man kann also weder sagen, dass die Proteste nun verstummen noch dass die Brasilianer die Weltmeisterschaft in ihrem eigenen Land ignorieren würden. Richtiger ist vielmehr, dass sich im unterschiedlichen Umgang mit ihr offenbart, wie zerrissen eine Gesellschaft ist, in der eine alte Frau den ganzen Tag auf einer alten Matratze am Straßenrand liegt, mit blutunterlaufenem Gesicht und dem Geruch jahrelanger Obdachlosigkeit, und oben die Helikopter fliegen, die die Wohlhabenden von ihren Büros in ihre Luxus-Apartments bringen. Es gibt so viele unterschiedliche Interessen wie Interessengruppen in diesem Land und man hat den Eindruck, dass sich viele Brasilianer gerade denken: Was wäre denn gewonnen, wenn jetzt auch noch diese WM zu einem Desaster würde? So stehen sie dann alle gemeinsam vor den Bildschirmen und singen die Nationalhymne voller Inbrunst und dass sie dabei so textsicher sind, liegt daran, dass das Fernsehen die Strophen einblendet.

Auf dem Rückweg aus dem Stadion sitzt dann auch noch ein ehemaliger deutscher Nationalspieler mit uns in der U-Bahn. Es ist Paulo Rink, Chef des Organisationskomitees von Curitiba. Wir tauschen Telefonnummern aus und verabreden uns zu einem Gespräch. Ob wir ihn wirklich noch einmal treffen? Die WM hat ja gerade erst begonnen.

 

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