Tag 34: Keine Angst vorm Kacken
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Unsere Weltmeisterschaft ging zu Ende wie ein Hippiefestival. Am Strand von Copacabana sprangen Argentinier ins Meer. Deutsche tanzten um ein Lagerfeuer. Pärchen lagen ineinander verknotet im Sand. Einige schliefen auf Luftmatratzen und in Zelten. Drüben an der Straße kratzten die Kioskbesitzer ihre letzten Zuckerreste für diejenigen zusammen, die noch immer nicht genug Caipirinha im Blut hatten. Und in einer Seitenstraße schunkelten Leute vor dem kleinen Laden „Bip Bip“ zur Musik von vier Samba-Gitarristen und ein bisschen Tamburin und Trommel. Davor saß der Boss mit einer Stimme wie ein verrußter Kamin und notierte auf einem Blatt Papier die Getränke, die sich jeder aus dem Kühlschrank nahm. Keiner ging, ohne zu zahlen. Nichts ist verbindlicher als ein Versprechen.

Nachdem wir uns nachts um halbdrei das warme Wasser des Atlantik lang genug um die Füße hatten spülen lassen, gingen wir zur Straße. Ein Taxifahrer mit grau durchzogenen Locken hielt an. Während der Fahrt sang er mit großer Überzeugung zu den Songs von Maria Rita aus dem Autoradio – mindestens zwei Ganztöne zu tief. Als er uns vor der Wohnung in Tijuca absetze, der vorletzten Station unserer Reise, stand er noch lange mit quer gelegtem Kopf an seinem Auto. „Die nehme ich noch mit“, habe er sich gedacht. Und wir sollten doch seine Telefonnummer aufschreiben. Nicht aus Fürsorge oder wegen des Geschäfts – er hatte sich in Birte verliebt. Von allen Überraschungen, die wir in den vergangenen Wochen erlebt haben, war dies die kleinste. Nachdem wir die Haustür hinter uns zugezogen hatten, war für uns nicht nur die Copa vorbei. Sondern auch eine so faszinierende, aufreibende und intensive Reise, dass sie noch lange nachhallen wird.

Als wir Anfang April entschieden hatten, uns auf eigene Faust auf den Weg in Richtung Brasilien zu machen, wussten wir nicht, ob wir genug Geld zusammenbekommen würden, um es bis zum Finale in Rio de Janeiro zu schaffen. Dreieinhalb Monate später sitzen wir nun tatsächlich hier und blicken auf eine Zeit zurück, die das finanzielle Risiko wert war, uns aber auch einen abenteuerlichen Spagat abverlangt hat. Wir haben eine Veranstaltung als Aufhänger benutzt, deren Auswüchse Dimensionen erreicht hat, die nicht mehr hinnehmbar sind. Die FIFA hat dieses Land für ein vierwöchiges Spektakel schier erwürgt und Brasilien hat sich erwürgen lassen. Erst wenn wir alle wieder weg sind und das Land wieder frei atmen kann, werden sich die langfristigen Folgen dieses psychologischen wie ökonomischen Sauerstoffmangels zu offenbaren beginnen. Doch auch wir saßen bei den wichtigen Spielen immer pünktlich vor dem Fernseher und als Mario Götze gestern abend traf, schrieen wir uns die Stimmbänder kaputt.

Ins Stadion hatten wir es nicht geschafft, aber der Circo Viador, auf dessen Bühne eine Leinwand stand, war ohnehin der beste Ort für dieses Finale: Beim Abseitstreffer der Argentinier in der ersten Halbzeit haben die wenigen Gauchos herzhaft geschrieen. Doch beim Tor der Deutschen brach bei den Brasilianern und uns infernalischer Lärm aus. Das Ergebnis: Rio heiser. Christian bekam davon nichts mit. Ihn hatte pünktlich zum Endspiel eine Grippe erwischt. Doch dafür sah er von seinem Fenster aus das Feuerwerk über dem Maracanã. Man darf eine WM wie diese eigentlich nicht bejubeln und trotzdem sind wir glücklich, dass wir gerade jetzt hier waren. Die Schizophrenie, von der wir anfangs geschrieben hatten – auch wir steckten mittendrin in den vergangenen Wochen.

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Wir haben in dieser Zeit so viele Eindrücke aufgenommen, dass wir uns jetzt etwas zurücklehnen, um sie zu alle verarbeiten. Und wenn wir damit fertig sind, melden wir uns nochmal. Und wir haben vieles gelernt, was man über das Leben generell wissen muss. Die, die wir getroffen haben, haben so viele kluge Dinge gesagt, dass wir sie alle in unserem Buch der kleinen Weisheiten notiert haben. Von einer, die es bislang noch nicht ins Blog geschafft hat, wollen wir noch kurz berichten, bevor wir die Computer für einige Tage zuklappen.

Es war ein sonniger Tag, wir waren unterwegs mit dem Imker Zé, den wir am Vorabend beim Spiel der Brasilianer gegen Kamerun getroffen hatten. Er hatte uns eingeladen, mit ihm einen Tag in den Bergen zu verbringen, mit seinen Bienen und seinem Hund. Irgendwann, bei Cachaça, Limettensaft und einem Schuss Honig – seine Geheimwaffe gegen Grippe, die damals Kai erwischt hatte – sprachen wir darüber, wie man zu den richtigen Entscheidungen im Leben gelangt. Auch wir hatten im Vorfeld der Reise mehrere Momente, in denen wir Entscheidungen treffen mussten, ohne zu wissen, ob das alles gut gehen würde. Wir sagten versprochene Gelder ab und mussten auch dann zuversichtlich bleiben, wenn erhoffte Zusagen ausblieben (und es waren vor allem drei Kollegen, denen wir dankbar sind dafür, uns in dieser Zeit den Rücken gestärkt zu haben: Stephan Rebbe aus Hamburg und Marcus Jordan sowie Cosmin Ene aus München). Irgendwann sagten wir uns: Wenn wir jetzt vor unserer eigenen Courage zurückschrecken, werden wir uns das ein Leben lang nicht verzeihen. Von Zé haben wir erfahren, dass man das auch prägnanter ausdrücken kann: Wer Angst vorm Kacken hat, der isst auch nicht. In diesem Sinne: Ran an den Speck.

Herzlichst, Birte, Christian und Kai aka Börtschie, CDF und cara de pau

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