Tag 32: Stille Wut
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Roberts drei Kinder sind heute Ende 20, Anfang 30. Die insgesamt sechs von Luiza, drei stammen von ihrem heutigen Mann, zwischen Anfang 20 und Anfang 30. Alle haben ihren Weg gefunden, jeder auf seine Weise. Wo es auf der einen Seite das Ergebnis einer kontinuierlichen Entwicklung über mehrere Generationen war, war es auf der anderen das Resultat eines langen Kampfes. „Man kommt arm auf die Welt“, sagt Luiza, „aber nicht dumm. Ob man es auf eine Universität schafft oder nicht, ist allein eine Sache des Willens.“ Das ist ihr Mantra und sie fände in Robert einen starken Befürworter. Der ärgert sich oft darüber, dass seine Landsleute so wenig Ehrgeiz haben, etwas zu schaffen.

Und so treffen sie sich an einem neuralgischen Punkt der Entwicklung Brasiliens in den vergangenen Jahren. Es ist der, mit dem alle Gesellschaften konfrontiert sind, in denen die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten ungleich verteilt sind: Wie viel Eigeninitiative kann, wie viel muss man verlangen? Nach beider Überzeugung hat die brasilianische Regierung der vergangenen 13 Jahre dabei versagt, die Selbsthilfekräfte des Einzelnen zu stärken. Sie hat vielmehr diejenigen unter den Brasilianern, die auf Hilfe angewiesen sind, zu Almosenempfängern erzogen.

Der Aufstieg Brasiliens basiert wesentlich darauf, dass der Anteil derer, die über einen größeren wirtschaftlichen Spielraum verfügen, deutlich gestiegen ist. Nach Angaben der Getúlio-Vargas-Stiftung gehörten 2003, dem Jahr, als Lula zum Präsidenten wurde, zur sogenannten C-Klasse knapp 38 Prozent. Das sind Familien mit einem Einkommen zwischen 1115 und 4807 Real (etwa 410 und 1800 Euro). 2008 waren es 49 Prozent. Innerhalb von fünf Jahren war die Mittelschicht um 30 Millionen Brasilianer gewachsen. Für Robert wie für Luiza ist dies allerdings weniger ein ökonomischer Erfolg als ein politischer. Für sie wurden nicht die Selbsthilfekräfte gestärkt, sondern allein die Kaufkraft:

Ihr gemeinsamer Vorwurf lautet: Die Hilfsprogramme, deren Erfolge sich die brasilianische Regierung auf die Fahnen schreibt, haben die Menschen abhängig gemacht. Und sie sind nicht in der Lage, die immensen sozialen Unterschiede auszugleichen, die sich durch die Gesellschaft ziehen. Man kann ihre Kritik gut an einem der meist zitierten Programme illustrieren. Es trägt den Namen „Bolsa Familia“ (übersetzt: Familienstipendium). Mütter erhalten dabei direkte finanzielle Unterstützung unter der Voraussetzung, die Kinder zur Schule zu schicken und sich regelmäßig impfen zu lassen. Als erster Schritt sei das eine sinnvolle Maßnahme Lulas gewesen, findet Robert. Doch was nützt die Schulpflicht, wenn die Schulen so schlecht sind, dass niemand Respekt hat vor den Lehrern? Oder so weit weg, dass sie schon bald nach der Anmeldung nicht mehr zum Unterricht kommen? Seine Kinder waren nicht auf einer staatlichen Schule. Nach Luizas Meinung besteht das Hauptproblem des Programms darin, dass es genau so lange wirkt, wie es bezahlt wird. Und danach stehen die Empfänger wieder bei null. Für sie ist es nichts anderes als ein sündhaft teures Wahlprogramm: Im Herbst stehen die nächsten Wahlen an.

Luiza, Robert und so viele Brasilianer fühlen sich verkauft von der Regierung Lulas und seiner Nachfolgerin Dilma. Sie haben den Eindruck, mit den Hilfsprogrammen würden sich gerade die Politiker Unterstützung erkaufen, die Anfang der 2000er-Jahre als die großen Hoffnungsträger in einem Land gestartet waren, das noch in den Neunzigern als hoffnungsloser Fall galt. Sie sehen, dass sich gerade die haben korrumpieren lassen, die der Korruption den Kampf angesagt hatten. Für sie war die WM vor allem eines: eine vierwöchige Propagandashow, die den Brasilianern weismachen sollte, dass doch eigentlich alles in Ordnung sei: Guckt doch! Die Stadien wurden fertig, wir hatten vier tolle Wochen und Brasilien ist Weltmeister. Und gerade die Art und Weise, wie die Brasilianer das Halbfinale verloren haben, war für sie der eindrucksvolle Beweis dafür, wie wenig in ihrem Land tatsächlich in Ordnung ist:

Inwiefern der Verlauf dieser Weltmeisterschaft Einfluss nehmen wird auf ihre Chancen zur Wiederwahl, weiß niemand. Es gibt Kommentatoren, die glauben, dass die Auswirkungen überschaubar bleiben. Andere hoffen, dass die Leute nach dem, was nun geschehen ist, zur Erkenntnis kommen, dass in Brasilien Luftschlösser errichtet worden sind. Und keiner kann sagen, ob nun die großen Proteste wieder aufflammen, die in den vergangenen Wochen nur gezüngelt haben.

Luiza und Robert haben sich von dieser Regierung längst abgewandt. Sie sympathisieren beide mit Aécio Neves, dem Kandidaten der „Partido da Social Democracia Brasileira“. Er ist die konservative Alternative. Doch egal, wie die Wahl im Herbst ausgehen wird: Das Ergebnis wird ihr Leben nicht so weit beeinflussen, dass sie sich davon ihre Zufriedenheit nehmen ließen. Denn auch bei der Frage, ob sie ihr Leben mögen, kommen sie zu einem gleichen Ergebnis. „Mein Leben ist schwierig, aber nicht schlecht“, sagt Luiza. „Was ich als wesentlich empfinde, ist, dass man die Dinge nicht von der schlechteren Seite sieht, sondern von der besseren“, sagt Robert. Die Lachfalten um seine Augen zeigen, dass er sich an diesen Auftrag sein Leben lang gehalten hat. Ein letztes Mal zieht er sein Jacket vor der Brust zurecht und lehnt sich wieder zurück.

Am Sonntagabend werden beide vor ihren Fernsehern sitzen, jeder in seiner Welt. Sie werden dabei zusehen, wie ihre Präsidentin den Pokal an eine Mannschaft überreicht, die ihn außer Landes schafft. Dilmas Stab, so hört man, befürchtet ein gellendes Pfeifkonzert. Doch die stille Abkehr von Menschen wie Luiza und Robert ist viel lauter.

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