Tag 32: Stille Wut
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Wenn sich Luiza Dellatorre auf ihrer gefliesten Terrasse umsieht, blickt sie in eine Welt, vor der sie die Kinder ihr Leben lang schützen wollte. Zu zwei Seiten erheben sich die Hügel, über die sich Häuser mit unverputzten Wänden verteilen. An ihrem Haus fließt faules Wasser entlang. Die Straße hoch beginnen die Favelas, in die nachts zu fahren sich viele Taxifahrer weigern. Nie kann sie sicher sein, ob sie nicht durch ein Fernglas beobachtet wird, wenn sie mit ihrer Familie auf den weißen Gartenmöbeln aus Plastik sitzt. Viel Kraft hat sie darauf verwandt, nicht Teil der Welt zu werden, der sie hier in Niterói, der Halbinsel im Osten von Rio de Janeiro, schutzlos ausgeliefert ist. Die 52-Jährige hat es mit ihrer Familie geschafft, draußen zu bleiben.

Vierzig Kilometer weiter sitzt Robert Japp auf einem weißen Holzstuhl. Von der Veranda des Sieben-Zimmer-Bungalows schaut er über den Pool in eine Welt, die er den Kindern sein Leben lang ermöglichen wollte. Laternen werfen warmes Licht auf die Straße. Vor dem Haus ein Spielplatz. Der Tennisplatz ist zwei Straßen weiter und dann rechts. Immer den Bach im Betonbett entlang, der macht es behaglich. Biegt man links ab, landet man an einem drei Meter hohen Zaun. Das ist das Ende der Behaglichkeit. Die Befestigungsanlage des „Condomínio Eldorado“ hegt das Viertel mit ihren Schranken und nächtlichen Patrouillen im Süden der Stadt ein. Der 68-Jährige ist mit seiner Familie drinnen.

Die Biographien von Luiza Dellatorre und Robert Japp hätten kaum weiter voneinander verlaufen können. Die Großmutter kam als bettelarme Frau aus dem Landesinneren in die Stadt. An die Tochter konnte sie nicht mehr weitergeben als den Willen zu leben. Auch auf Luiza hat der sich übertragen. Sie brachte drei Kinder zur Welt, trennte sich irgendwann von deren Vater und nachdem sie länger in der Kirche gearbeitet hatte, baute sie mehr zufällig einen Handel für Baumaterialien auf. Die Großeltern von Robert kamen in den 1920ern vom Rhein nach Rio. Mit einer Flussschifffahrt wurde der Großvater reich, nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg musste er noch einmal beinahe bei null beginnen. Der Vater war technischer Direktor bei einer Firma für Holzbearbeitungsmaschinen. Er selbst arbeitet als Schifffahrtsingenieur mit am Bau schwimmender Bohrinseln. Und doch verstünden sich Luiza und Robert gut, unterhielten sie sich über das, was gerade schief geht in ihrem Land. Und darüber, wie die nun zu Ende gehende Weltmeisterschaft dies offenbart hat. Ein virtuelles Gespräch hinweg über die Grenzen des Lebens.

Ihre Herkunft hat bei beiden tiefe Spuren hinterlassen, und man kann nur verstehen, warum sie gleichermaßen so unzufrieden sind mit der herrschenden politischen Klasse in ihrem Land, wenn man begreift, was jeweils zur Richtschnur ihres Handelns geworden ist: Bei ihr ging es immer darum, Hürden zu überwinden und aus Fehlern zu lernen. Er, der bis zu seinem fünften Lebensjahr ausschließlich Deutsch sprach, sagt von sich: Meine Erziehung war eine deutsche.

„Superação“ und „moderação“: In beiden Begriffen kommen Haltungen zum Ausdruck, die auch viel erzählen über die Heterogenität dieses riesigen Landes. Bis heute ist der Süden geprägt davon, dass hier Menschen aus der ganzen Welt landeten. Als Immigranten mussten sie sich ihren Platz erkämpfen und waren darauf angewiesen, einander zu unterstützen. So bemüht sich Robert Japp in seinem Berufsleben noch heute um einen fairen Umgang mit der Konkurrenz und er achtet darauf, dass er sich bei seiner Arbeit nicht verzettelt und sich auf eine Sache konzentriert, bis sie fertig ist. Er ist oft der Letzte, der das Büro verlässt. Er hat nur einen brasilianischen Pass und sagt von sich, er fühle sich als Brasilianer. Aber er führt in einer Stadt, die einen ansieht wie einen Außerirdischen, wenn man an den Schreibtisch geht, während andere beim Caipirinha sitzen, das Leben eines Deutschen. Und Luiza Dellatorre legt großen Wert darauf, nie stehen zu bleiben. Mit 43 Jahren begann sie ein Pädagogik-Studium. Dass ihr heutiger Mann Galdino, der aus dem Nordosten stammt, dafür kein Verständnis hatte, hat zeitweise für ordentlich Streit gesorgt. Dessen Heimat ist eine der ärmsten Regionen Brasiliens. Dort leben die Menschen nach dem Prinzip „Essen, Haus, Arbeit“. Die Trennung in Elite und Arbeiter ist bis heute fest verankert in der dortigen Mentalität – ein Erbe aus Kolonialtagen. Als Erwachsene ein Studium aufzunehmen, empfand er als Zeitverschwendung. Doch Luiza ist keine Frau, bei der man das Gefühl hätte, es sei sinnvoll, viel Energie in Widerspruch zu investieren.

Dass sie in dem Haus in Niterói lebt, mit der Garage unten für die Baumaterialien und der kleinen Wohnung samt geräumiger Terrasse darüber, macht sie allein ihrer Kinder wegen. Denn nur so hat sie genug Geld, auch all ihren Kindern ein Studium finanzieren zu können. Die Dellatorres haben dafür allerdings einen hohen Preis zu zahlen. Sie will nicht zu viel darüber erzählen, von welchen Gefahren sie umgeben ist und was sie über ihr Leben hier denkt. Selbst wenn ihre Geschichte in deutscher Sprache erscheint: Man weiß nie, wer sich daran stoßen könnte. Ihre Stimme senkt sich und eine Hand beginnt zu zittern, als sie darüber spricht, und es ist schwer zu sagen, ob vor Angst oder vor Wut. Als sie hierher kamen, waren die Söhne sechs und zwölf, und ihre größte Sorge war, sie könnten in Kriminalität und Drogen abrutschen. „Was wir hier gewonnen haben, ist, kein Kind bei dem Versuch verloren zu haben, die Welt zu erobern“, sagt sie. Doch nur so kann sie ihren Kindern die Möglichkeit bieten, sie selbst ihren Weg suchen zu lassen. Es ist dasselbe Ziel, das auch Robert für seine Kinder hatte. Nachdem er vor 30 Jahren mit seiner Frau Maria Ana das erste Kind bekommen hatte, zogen sie in die umzäunte Welt eines Condominio.