Tag 29: Das hohle Versprechen
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Wenn die einen kein Deutsch sprechen und die anderen so gut wie kein Portugiesisch, müssen sie sich anderer Mittel bedienen, um klar zu machen, wie das Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien nach ihrer Meinung ausgehen wird. Und so stehen wir nach dem Viertelfinale bei Brasilianern in Ouro Preto, gelegen zwischen Belo Horizonte und Rio de Janeiro, rufen „Julio César“ und tun so, als würden wir weinen. „Schweinsteiger“ antworten die anderen und fangen an zu schniefen. Dann wir wieder „David Luiz“ und so geht es weiter, bis ihre Zungen von Bier und Caipirinha langsam schwach werden. Als wir zwei von ihnen am nächsten Tag treffen, klingt ihr „Brasil!“, das sie am Abend zuvor alle fünf Minuten durch den Raum riefen, lang nicht mehr so kraftvoll. Kater heißt auf Portugiesisch ressaca.

Nach neunstündiger Fahrt (samt dem obligatorischen Zwei-Stunden-Stau) sind wir gestern Nacht in Rio eingetroffen und haben damit die Schlussetappe unserer Reise erreicht. Und bevor wir noch einmal eintauchen in eine Metropole, die so riesig ist, dass man seine Verabredungen planen muss wie Städtetrips, wollen wir davon erzählen, was wir in Ouro Preto gesehen und gehört haben, fernab vom Trubel in den Großstädten. Fans und Feste gibt es auch dort, aber sie zeigen ein anderes Bild von Brasilien als das, das gerade in die Welt geschickt wird, gesponsert von Bier und Brause.

Mit seinen 70 000 Einwohnern wirkt das Städtchen wie die real gewordene Landschaft einer Modelleisenbahn. Die kleinen Häuser mit Dachziegeln in allen Melodien von Rot verteilen sich über ein Tal und die angrenzenden Hügelketten. Die Gassen sind gepflastert mit kantigen Steinen, die zum Teil noch so im Boden stecken, wie sie einst in den Dreck gebacken wurden. Und zur vollen Stunde schicken die dreizehn Barockkirchen das Läuten ihrer Glocken über die Stadt. Ouro Preto wirkt aus der Zeit gefallen, so, als habe sie sich irgendwann zum Ende des 19. Jahrhunderts entschieden, einfach stehen zu bleiben. Von der Unesco ist die ehemalige Hauptstadt des Bundesstaats Minas Gerais deshalb zum Weltkulturerbe erklärt worden. Die Postkartenidylle wäre perfekt, wenn nicht tief unter dem Ort das Erbe der Kolonialzeit verborgen läge.

„Schwarzes Gold“ heißt Ouro Preto übersetzt und diesen Namen hat die Stadt ihrer Vergangenheit als eines der Goldreservoirs Brasiliens zu verdanken. Eine Million Kilogramm des Edelmetalls wurden zwischen 1700 und 1800 aus den Minen unter der Stadt geholt und die Sklaven aus Afrika wurden dafür zerschlissen wie Vieh. Allein in Ouro Preto gab es 317 dieser Minen, vier davon stehen heute noch für Touristen offen. Und erst, wenn man durch die schmalen Flure geht, die Luft mit jedem Meter dicker wird und nur eine Kerze noch etwas Licht abwirft, erlebt man am eigenen Leib, wie sehr ein Teil des Wohlstands der Europäer auf brutaler Ausbeutung in ihren Kolonialstaaten beruht. Die Lebenserwartung derer, die in die Tiefe getrieben wurden, um das schwarze, von Goldadern durchzogene Gestein zu bergen, lag zwischen fünf und sieben Jahren. Zwischen 15 und 20 Millionen Menschen kamen nach Angaben von Historikern ums Leben. Sie starben durch Erstickung, Vergiftung, Einstürze oder Selbstmord.

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Wer wissen möchte, wie sehr dieser Teil der brasilianischen Geschichte bis heute die gesellschaftliche Realität prägt, muss nur mit Luiz Eduardo do E. Santo sprechen. Er arbeitet als Touristenführer in der Stadt und ist gewissermaßen Experte in eigener Sache. Sein Vater kam 1884 zur Welt, fünf Jahre vor der offiziellen Abschaffung der Sklaverei. Mit über 80 Jahren zeugte er sein letztes Kind. Insgesamt hatte er über 30 Söhne und Töchter, so genau kann das niemand sagen. Mit seinen körperlichen Voraussetzungen, etwa 1 Meter 75 groß, schlank, starke Oberschenkel, feine Fesseln, nicht schwerer als 75 Kilo, wäre Luiz wohl als Reproduktionsmaschine eingesetzt worden. Bis zu 23 Kinder pro Jahre musste jemand wie er zeugen. Luiz trägt seine Biographie mit sich herum wie einen mit Geröll beladenen Rucksack. Er wurde groß in einem aus Lehm gebauten Haus, wie sie bis heute noch in Ouro Preto stehen. Ein Stipendium ermöglichte ihm den Besuch einer guten Schule. Er studierte Geschichte und machte eine Ausbildung zum Goldschmied. Doch es ist zu seiner Lebensaufgabe geworden, den Besuchern zu vermitteln, dass die Geister der Vergangenheit bis heute durch die Stadt ziehen. „Touristen halten es manchmal nicht länger als zwei Stunden hier aus“, sagt er.

Wie viele seiner Landsleute hat Luiz darauf gehofft, dass das Versprechen wahr werden würde, das die brasilianische Regierung gegeben hat: Die WM würde Menschen ins Land bringen, die sich nicht allein für Brasilien gegen Kolumbien und Deutschland gegen Frankreich interessieren, sondern auch für das Land und seine Geschichte. Und gerade Ouro Preto wäre seiner Lage wie seiner Geschichte nach prädestiniert gewesen dafür, dass diese Versprechen hier erfüllt werden würde. Doch die Wahrheit ist: Nichts davon ist passiert, im Gegenteil:

„Meiner Meinung nach hätte es diese WM hier nicht geben dürfen. Zumindest in meinem Fall. Ich wiederhole: Sie haben Millionen Reais ausgegeben, um Stadien zu bauen, und die Sicherheits- und Gesundheitslage sind in Ouro Preto – nein, in ganz Brasilien – sehr prekär. Wenn Brasilien gewinnt, herzlichen Glückwunsch, wenn nicht, macht das für mich persönlich keinen Unterschie. Es bin nicht ich, der gewinnt. Mir ist das egal. Ich werde mein Leben genauso weiterleben, sie werden mir nichts helfen. Es gab die WM, aber keinen Tourismus. Wenn es die WM nicht gegeben hätte, hätte es Tourismus gegeben, hätten wir jeden Tag Arbeit gehabt. Sie hat nicht allen geholfen, sie hat gestört. Hier in Ouro Preto, die Geschäftsleute, Stadtführer, Hotels: Sie hatten überhaupt keinen Gewinn.“

Diese WM ist nicht die von Menschen wie Luiz. Es ist die eines relativ kleinen Zirkels, der sich damit die ohnehin schon gut gefüllten Taschen noch etwas voller gemacht hat. Und nach allem, was wir in den vergagnenen Wochen gehört haben, spiegelt sein Fall die Wirklichkeit in diesem Land ziemlich gut wider. Dabei hätte er noch so viel zu erzählen. Davon, wie er als Zwölfjähriger Zeitungen verkaufte und eines Tages mit über 200 Reais nach Hause kam. Ein Tourist hatte angehalten, mit ihm gesprochen und ihm auf einen Schlag alle Exemplare abgenommen. Normalerweise musste er eine Woche arbeiten, um 25 Reais zu verdienen. Als er früher als üblich und mit dem Zehnfachen dessen nach Hause kam, setzte es von seiner Mutter eine Tracht Prügel. Sie war sich sicher, Luiz habe das Geld gestohlen. Oder davon, wie wenig von dem Aufstieg Brasiliens hier angekommen ist. „Hier gibt es überhaupt keine Entwicklung“, sagt er. „Die Leute arbeiten, arbeiten und arbeiten. Doch sie verdienen weniger und geben viel mehr aus als man sich vorstellen kann.“

Ob Brasilien Weltmeister wird? Es könnte Luiz kaum gleichgültiger sein. Als wir um die schönsten Tränen gewetteifert haben, stand er schweigend daneben.

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