Tag 2: Schizophrenie des Alltags
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Ein geducktes Haus in der Peripherie von São Paulo. Auf dem Herd köcheln drei Suppen vor sich hin, Bohnen, Maniok und Kürbis. In dem Gärtchen hinter dem Haus hängen Holzpapageien und Laternen in den Ästen. Acht Menschen leben hier, drei Paare, zwei kleine Kinder. Ein paar Freunde sind noch zu Besuch. Auf der freien Fläche zwischen dem Gärtchen und der Veranda züngelt ein kleines Feuer. Als die Suppen gegessen, die Nüsse, der Käse und das frische Gemüse geknabbert und der bittere Tee getrunken sind, holt Mario die Gitarre aus seinem Zimmer, macht das Licht aus, so dass nur noch das Feuer und die Kerzen die Szenerie erhellen, und beginnt zu spielen. Leise und sanft, voller Schmerz und Melancholie singt er von Liebe, dem entbehrungsreichen Alltag und alle summen mit. Die WM? Ist in diesem Moment so weit weg, als spiele sie auf einem anderen Planeten.

Wir waren gestern Abend eingeladen bei Maria Nathalia Silva de Jesus und ihrer Familie. Sie ist im Bundesstaat Minas Gerais aufgewachsen, weit weg von den Metropolen. Mit fünf Jahren konnte sie bereits reiten und schwimmen, aber mit zwölf Jahren hat sie ihre erste Sandale getragen. Bis dahin ist sie barfuß durchs Leben spaziert. Damals dachte sie, sie seien arm. Sie schliefen auf Strohmatten. Oft wachte sie mit Hunger auf. Den Ton für die Töpfe mussten sie selbst aus der Erde graben. Alles, was sie für ihr Leben brauchten, haben die Menschen in ihrem Dorf selbst hergestellt. Von Städten, in denen man einkaufen kann, wusste sie nichts.

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Nathalia hat einen klaren, unaufgeregten Blick auf die Welt. Sie sieht aus Überzeugung nicht fern, verfolgt aber im Radio genau, wie es um die letzten Vorbereitungen auf die am Donnerstag beginnende WM steht. Und was sie hört, bereitet ihr Sorgen. Ihr Land bekomme es doch schon nicht hin, den Alltag für die 170 Millionen Brasilianer zu organisieren. São Paulo beispielsweise versinkt jeden Tag in Verkehrsstaus. Wie soll das nur werden, wenn jetzt auch noch die WM-Touristen kommen? Sie befürchtet, dass das Bild, das Brasilien in den kommenden Wochen in die Welt sendet, eines von Chaos und Unorganisiertheit sein wird.

Und noch etwas anderes macht ihr Bauchschmerzen. Viele ihrer Landsleute werden sich nicht trauen, zu zeigen, dass sie sich bei allem Ärger auch freuen:

 „Naja, ich glaube einige Leute haben wirklich Angst zu zeigen, dass sie sich darüber freuen, dass die WM hier stattfindet. Sie haben Angst wegen der Demonstrationen, weil überall in der Stadt Plakate hängen, auf denen steht: Es wird keine WM geben! Es wird keine WM geben! Wie also soll eine Person, die sich freut, angesichts dieser Bewegungen ihre Freude zeigen? Ich halte das für ein bisschen gefährlich. Ich glaube, es gibt Leute, die Angst haben, sich zu zeigen.“

Es ist eine einigermaßen schizophrene Situation: Vorfreude und Ärger vermengen sich nicht nur in der brasilianischen Gesellschaft, sondern auch in vielen Brasilianern selbst. Dieselben, die während des Confed-Cups vor einem Jahr auf die Straße gegangen sind, haben sich in den vergangenen Tagen die Füße in den Bauch gestanden, um noch Tickets für ein WM-Spiel zu ergattern.

Noch fünf Tage bis zum Anpfiff.

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